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Am
Wochenende rief meine Schwester Vroni an und schlug vor, dass wir eine
kleinere Wanderung irgendwo in den Bergen machen könnten, ich sollte
die Tour aussuchen. Das war mir Recht, denn mein Liebster war auch da
- und er konnte wegen seinem gebrochenen Fuß, von dem er gerade
eben erst genesen war - nicht so lange und schwierige Strecken wandern.
Da
gab es mehrere Möglichkeiten. Immer schon wollte ich in Mittenwald
den Kranzberg begehen. Oft war ich außen herum getourt - oder mit
dem Fahrrad daran vorbeigeradelt. Auf den Strecken war es so traumhaft
schön gewesen, und mein Instinkt sagte mir, dass dieser kleine und
von unten unscheinbare Berg - bestimmt mit einer echten Überraschung
aufwarten würde.
Aber
da war auch die Hochalm, von der Aachenseestr. aus begangen - mit den
herrlichen Gumpen und Almwiesen. Oder einfach eine wunderschöne Wanderung
auf einem Lengrieser Höhenweg...
Zuletzt
entschieden wir uns alle für Mittenwald und den Kranzberg. Jetzt
mussten wir nur noch überlegen, wie wir dorthin kämen, denn
durch die horrenden Bahnpreise ist es nicht möglich mit öffentlichen
Verkehrsmitteln zu fahren - zumal wir ja recht oft in die Berge gehen.
Also
schreibe ich mal wieder meine obligaten Trampschilder - es geht über
Königsdorf, Bad Heilbrunn, Kochel, Wallgau und Krün - nach Mittenwald.
Wir stehen um 8.30 ganz aufgeregt an der Straße. Helmut hat diese
Fortbewegungsart noch nicht für sich entdeckt und ist skeptisch.
Aber bis zum Kesselberg kommen wir problemlos mit 4 Autos durch, steigen
nach 1 Minute Warten jeweils ins nächste Auto ein. Am Kesselberg
ist es ziemlich frisch. Und niemand will halten. Hier warten wir 15 Minuten,
als derselbe Fahrer, der uns hier aussteigen ließ, wieder anhält.
Er nimmt uns bis Urfeld mit. Dort warten wir wieder eine halbe Stunde.
Da
ruft meine Schwester über Handy an, die ihrerseits von München
nach Mittenwald trampt. Sie sei schon in Mittenwald. Wieee? Das geht ja
wie geölt ! Nur wir hängen hier fest. Ich schlage Vroni vor,
alleine loszugehen. Wir würden uns dann am "Hohen Kranzberg"
treffen. Jemand nimmt uns bis zur Seilbahnstation zum Herzogstand mit.
Dort macht Helmut den Vorschlag, dass wir mit dem Bus weiterfahren sollten.
Ich dränge darauf, mit dem "Daumen im Wind" weiterzumachen.
Aber bis uns die nächsten mitnehmen, dauert es weitere 20 Minuten.
Die Fahrt geht bis Krün. Dann ist Schluss. Es ist bereits 11.30 Uhr.
Jetzt ist irgendwie die Moral dahin. Mit dem letzten Fahrer kommen wir
bis zur Karwendel-Hochseilbahn. Jetzt ist es 12.15 Uhr. Dann verlaufe
ich mich noch - wir gehen auf der falsche Seite des Flusses, der durch
Mittenwald fließt und kommen erst ganz am Ende von Mittenwald über
die Brücke. Fast verlässt mich der Mut. Aber mein Schatz baut
mich wieder auf. Er schlägt vor, mit der Bahn hinaufzufahren, damit
wir Vroni wenigstens halbwegs in der Zeit treffen.
Da
entdecke ich, dass ich meine Kameratasche von meiner Profi-Kamera im letzten
Auto liegen gelassen habe - oder bei der letzten Bank?
Helmut läuft noch mal zurück zur Bank. Während er sucht,
beruhige ich mich und erinnere mich an meine Devise: "Nicht aufregen!
Wenn es weg ist, dann kann ich eh nix machen. Und wenn nicht, dann hat
sich die Aufregung auch nicht gelohnt!" Jetzt bin ich wieder richtig
gut gelaunt. Helmut kommt zurück. Da war nichts. Auch gut! Jetzt
war ich ja vorbereitet...
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Angekommen
auf dem "Hohen Kranzberg" -
Eine traumhafte Kulisse - die Aussicht auf das Wettersteinmassiv |
Herrliche
Hügellandschaft vor dem Gebirgsmassiv des Wetterstein |
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| Meine
Wenigkeit - ich strahle vor Glück ! So schön hatte ich es
mir dann doch nicht ausgemalt ! |
Wo
das Auge hinsieht - Märchenbuch-Idylle wie bei "Heidi"
! |
Oben
angekommen, legen wir uns auf einer herrlichen Almwiese in den Schatten
eines Baumes, weil Vroni noch nicht da ist. Wir rufen sie an - sie liegt
am Lautersee - und hat dort nette Bekanntschaft gemacht. Heute scheint
wirklich alles vom Schicksal in die Hand genommen. Ich sag ihr, dass wir
oben sind - sie geht mit ihrer neuen Bekanntschaft los. Und wir zeigen
uns der Sonne... Nach 1 ½ Stunden ruft Vroni wieder an. Wo wir
denn seien... ach - da gibt es noch einen höheren Platz? Also auf
geht's - noch eine Viertelstunde wirklich steiler Anstieg über Fuhrstraße
vom Sessellift aus. Vroni sitzt gemütlich und genießt ihre
"Schneider-Weisse".
Ihre
Bekanntschaft Edmond lebte jahrelang in Californien, wo er 125 Sorten
Knoblauch anbaute (von 225 möglichen Sorten) und überall hin
exportierte. Dann kaufte er sich Haus und Grund auf Honolulu - merkte
aber leider erst zu spät, dass er auf der Regenseite "gebaut"
hatte. Es regnete dort eigentlich nur einmal - aber das 10 Monate lang!!!
Jetzt ist er unterwegs auf der Suche nach einer geeigneten Hütten-Tour
zum abspannen. Aber er meint, dass es schwierig sei, die richtigen Infos
zu bekommen. Er liebt den Komfort der Hütten.
Es
wird ein sehr interessanter Nachmittag - und 16.30 Uhr. Da sollte eigentlich
die Sesselbahn zum letzten Mal fahren, für die Helmut sich schon
vorsorglich das Rückticket besorgt hat. Als Vroni sich noch angeregt
mit Edmond unterhält, erkundigt Helmut mit mir die Gegend. Er hat
ein paar sehr lauschige Plätzchen entdeckt. Mir schlägt das
Herz höher. Ich fühle mich sehr an die Berggeschichten oder
auch an die alten Bergfilme von früher erinnert, wo viel fast kitschig
schöne Landschaft zu sehen ist. Aber hier ist es wirklich so. Überall
!!! Und auch schon auf meinen Radtouren durch dieses Gebiet war mir aufgefallen,
wie liebevoll und mit ganzem Herzen die Menschen hier ihre Landschaft
pflegen. Selbst die Kinder helfen fröhlich beim Heueinholen mit,
oder sie bedienen die Leut' und man sieht ihnen die Freude, die sie dabei
haben, deutlich an.
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| Eine
der vielen Hütten ... kein Laut stört hier die Idylle |
Abendstimmung
am Hohen Kranzberg - der Wetterstein leuchtet in der Abendsonne |
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| Helmut
freut sich riesig über diese Berg-Idylle |
Überall
wachsen Schwammerl - ich kenn sehr viele - diese hier aber nicht...
und während ich mich so umseh, fängt es hinter dem bewaldeten
Hügel an wie Glockengeläut zu schallen. Helmut hatte sie
neugierig gemacht - sie hüpften aufgeregt zu ihm hin... |
Während
wir die herrliche Umgebung genießen, frage ich mich insgeheim, wie
Helmut nun wieder nach Hause kommen möchte, da er doch wegen seinem
Fuß vorgehabt hatte, wieder hinunter zu fahren. Kaum habe ich den
Gedanken zu Ende gedacht, da sagt er: "Weißt du was! Bleiben
wir doch einfach hier und schlafen in einem Heuschober!" Das ist
sehr spontan. Wir haben keine Schlafsäcke dabei, die haben wir "vorsichtshalber"
zu Hause gelassen. Und ich habe auch nicht sonderlich viel anzuziehen
dabei. "Vielleicht wird es sehr kalt in der Nacht - und vielleicht
finden wir gar keinen Platz!" Helmut ist da felsenfest. "Du
wolltest das doch immer schon mal machen - und jetzt kneifst du!"
Überredet!!! Ich gebe unsere Entscheidung bekannt - und sehe Vroni
an, dass sie am liebsten auch geblieben wäre und schlage ihr vor,
auch zu bleiben. Aber sie entscheidet nach Hause zu fahren. Gegen 17 Uhr
machen sich Vroni und Edmond auf den Rückweg.
Helmut
und ich gehen in Richtung der ersten Hütte, die wir vorhin entdeckt
hatten. Aber da ist ein Waldmännlein mit weißen Haaren und
weißem Bart, der vermutlich Preiselbeeren oder Schwammerl sucht.
Er hat uns entdeckt und beobachtet uns mit Luchsaugen!
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| Dieser
Baum oben am Gipfel faszinierte mich. Durch sein fast magisches Leuchten
wirkte er wie eine "ausserirdische" Gestalt hier oben. |
Ein
Ausblick in Richtung Krün und Wallgau - auf dieser Seite des
Kranzberges gibt es jede Menge herrliche Wanderwege für jedes
Alter ! |
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| Letzte
Sonnenstrahlen um den Wetterstein |
Links
das Karwendelgebirge - rechts beginnt der Wetterstein |
Also
machen wir es uns vorerst auf dem Gipfel gemütlich und genießen
den herrlichen Ausblick auf die majestätisch leuchtenden Gebirgsmassive
- Karwendel, Wetterstein und die Gebirgsketten weiter hinten. Mittenwald
liegt eng an den Fuß des Karwendel geschmiegt. Auf der Nordseite
fällt der Kranzberg sanft ab - und es gibt jede Menge herrliche Wanderwege
durch wunderschöne sonnige Almwiesen, an tiefblaugrünen Seen
vorbei... mein Herz hüpft bei diesem Anblick vor Freude.
Als
es dunkel wird, schlägt Helmut vor, dass er sich auf die Suche nach
einem geeigneten Plätzchen machen will. Nach einer viertel Stunde
kommt er wieder. Er fand das Waldmännlein mit weißen Haaren,
weißem Bart und feuerrotem Pulli noch immer in der Nähe seiner
Hütte auf der Almbank eines ziemlich steilen Hügels sitzend
und betrachtet die untergehende Sonne hinter dem Wetterstein, die ihre
Strahlen gleißend in alle Richtungen schickt. Ich freue mich darüber,
dass es noch Menschen gibt, die sich der stillen Schönheit noch ganz
hingeben können und noch nicht der Raserei der Welt verfallen sind.
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| Noch
ein Foto, bevor wir wieder alles fein sauber herrichten ! |
So
ein Heubett ist doch recht gemütlich! |
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| Das
ist die Hütte von aussen. Wir haben alles so verlassen, wie wir
es vorgefunden haben. Das ist uns sehr wichtig! |
Neben
dem Heuschober die niedliche Hütte. |
Helmut
führt mich durch eine lauschige kurzgeschorene Grashügellandschaft
- hier sieht es aus wie in einem Märchenland. Nach einigen heimlichen
Windungen erreichen wir eine weitere Hütte - auch hier befindet sich
eine Heuhütte. Sie ist oben offen. Sofort kriechen wir hinein. Helmut
macht die Seiten dicht. Wir legen unsere isolierte Decke unter uns und
haufenweise Heu über uns. Ich dachte, es würde pieken und jucken
- aber nachdem die ersten Erwartungsängste verflogen waren, freute
ich mich wie ein kleines Kind. Das hatte ich mir schon seit meiner Kindheit
gewünscht! Ich fiel selig in einen Halbschlaf. Es war lange erstaunlich
warm. Dann musste ich für kleine Mädchen und fing an zu frieren.
Die Temperaturen mussten außerdem stark gesunken sein. Lange Zeit
traute ich mich nicht aufzustehen, weil es richtig kalt geworden war und
ich fror. Irgendwann überwand ich mich und stand auf.
Da
schien der Mond so herrlich, dass ich gleich aufblieb, um eine Nachtwanderung
zu machen. Es war gegen 24 Uhr. Das ließ Helmut sich auch nicht
nehmen - er wurde sofort wach und so schnell hab ich ihn noch nicht aufstehen
gesehen! Also gingen wir zusammen. Die Nacht war lau - der Mond und die
Sterne strahlten so hell, dass man mühelos eine richtige Nacht-Bergwanderung
hätte machen können. Wir stiegen wieder hinauf zum Hohen Kranzberg-Gipfel
und setzen uns auf eine Bank, um das Schauspiel zu genießen. Vom
Tal glitzerten die Lichter von Mittenwald und Krün herauf. Auch die
Bergstation der Karwendelbahn war erleuchtet. Von der Hütte unterhalb
des Gipfels tönt leise bayrische Volksmusik live herauf - Lachen,
Klatschen und Feiern - als hätte der Abend erst begonnen.
Gegen
1.00 Uhr gingen wir wieder hinunter zu unserer Hütte. Durch die Fallwinde
war es hier wesentlich kühler. Und in der Nacht zog es dann richtig
an. Also noch mal eine fette Lage Heu drübergelegt und so war es
auszuhalten. Am nächsten Morgen fühlte ich mich unglaublich
fit. Und Helmut offensichtlich auch. Wir säuberten unsere Rucksäcke
und Kleidung und Haare vom Heu, wuschen uns mit ein paar Handvoll von
dem Wasser aus dem kleinen Brunnen vor dem Haus - schlichteten das Heu
in der Hütte wieder so, wie es gewesen war, und richteten alles wieder
so her, wie wir es vorgefunden hatten.
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| Der
Himmel ist herrlich blau und die watteweichen weissen Wolken lassen
das Landschaftsbild noch märchenhafter erscheinen. |
Auch
der Segen darf nicht fehlen ! |
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| Die
lauschigen Almwiesen - abseits vom Trubel der lauten Gesellschaft
und dem Treiben der Welt... |
Ein
letzter Blick auf den Hohen Kranzberg, bevor wir Richtung Ferchensee
den Rückweg antreten. |
Dann
gingen wir noch einmal zum Gipfel. Die Morgensonne erhob sich hinter dem
Karwendel und lockte mit fröhlichen Strahlen zu neuem Tatendrang.
Helmut fühlte sich fit und gut gelaunt. Er hatte gerade 6 Wochen
seinen Fuß stillhalten müssen, weil er gebrochen war - und
jetzt entschieden wir uns am Abstieg für die große Runde zurück
nach Mittenwald - über Ferchen- und Lautersee. Auf jedem Schritt
fühlen wir uns wie in einem Märchenbuch ... und es ist wahr!
"Noch"!
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| Märchenlandschaften...
wohin das Auge sieht |
Fuhrweg
auf halber Höhe Richtung Ferchensee |
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| Die
Karpfen mit den Seerosen wirken wie ein lebendiges Gemälde. |
Der
Ferchensee vor dem Karwendelgebirge |
Unten
am Ferchensee trinken wir in der Gaststätte einen Kräutertee.
Der See ist klar wie Glas und es gibt freischwimmende Karpfen, die hier
in diesem klaren Bergsee freilich nur überleben können, weil
sie von den Gästen reichlich gefüttert werden. Es ist noch sehr
früh am Morgen und der Frieden, der hier um diese Uhrzeit noch über
die herrliche Berglandschaft weht, berührt mein Herz. Ich fühle
mich wie in Mutters Schoß...
Als
wir zuletzt wieder bei der Karwendel Bergbahn ankommen, geht Helmut hinein
und fragt den Kassierer wegen meiner am Vortag im Auto liegengelassenen
Fototasche. Sie ist tatsächlich abgegeben worden! Es lohnt sich eben
wirklich, sich nicht aufzuregen ...
Am
Parkplatz vor der Bergbahn fragen wir nach Mitfahrgelegenheiten. Es dauert
nicht lange, bis wir erfolgreich sind. Helmut fragt einen Bergfex, der
gerade den Steig zum Karwendel herunter kommt. Er war den Karwendel in
drei Stunden hinauf und in zwei Stunden wieder herunter gestiegen. Er
fährt Richtung München und nimmt uns mit.
Im
Winter haben wir uns vorgenommen, wieder hierherzukommen - zu einer Nachtwanderung
oder Rodeln im Mondschein.
Ich
wünsch euch viele erfüllte und erholsame Tage
Eure
Regina

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