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Wundersamer Fund
© Regina Franziska Rau
Sommer 1988
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Es geschah im Sommer 1988, während
einer Zeit, in der ich mein Leben ernsthaft überdachte und erkannte,
daß die Welt - und somit auch mein Leben - auf dem Kopf standen.
Ich hatte begonnen, vieles zu verändern - und hatte bemerkt, daß
sich viele meiner alten Freunde von mir entfernten. Das hatte mir sehr
zu schaffen gemacht - ich wurde zuweilen sehr unsicher, fühlte mich
allein und mir selbst im Weg.
An einem trüben, wolkenverhangenen und regnerischen Tag überfiel
mich wie aus heiterem Himmel solch eine traurige Stimmung, daß ich
den Tränen nahe war.
Ich saß gerade in einer Straßenbahn in München. Die Leute
stiegen ein und aus - alle in unerklärlicher Eile und Hast. Viele
hatten graue Gesichter, schauten mit gleichgültigen und leeren Blicken...
und da saß ich - wie ein Häufchen Elend, machte mir Gedanken
darüber, ob es wohl richtig sei, daß ich mir so viele Gedank
über mein Leben machte - und ob die Veränderungen, die ich gerade
vornahm für mich der richtige Weg seien. Ich fühlte eine solche
Sehnsucht nach einer inneren Berührung in meiner Brust, daß
ich anfing zu weinen.
Da saß ich und weinte - und fing an zu beten: "Bitte gib mir
doch ein Zeichen - irgendetwas - damit ich weiß, daß ich auf
dem richtigen Weg bin! Ich kenne mich nicht mehr aus! Du kennst mich -
und ich brauche deine Nähe - ich schaffe es nicht ohne ein Zeichen!"
Nach einer Weile hatte ich mich einiger Maßen beruhigt. Ich hatte
immer noch einen tränenverschleierten Blick. Aber da sah ich verschwommen
etwas auf dem Boden liegen. Es sah aus wie eine Geburtstagsglückwunschkarte.
'Natürlich ging es mich nichts an! - wie man so sagt, und sie lag
ja auch auf dem schmutzigen Boden. Aber ich dachte bei mir: "Sollte
es wirklich sein, daß du mir eine Nachricht geschickt hast? Gut
- ich werde es aufheben und lesen - ist mir egal, was die Leute denken.
Ich dachte dabei an ein paar nette Grüße, die an einen anderen
Menschen gerichtet gewesen waren und nun für mich gelten sollten.
Allein dieser Gedanke löste ein Glücksgefühl in mir aus
- eine Vorahnung, daß es etwas für mich sei!
So ging ich zu dem Papier, das auf dem regennassen und verschmutzten Boden
lag und hob es auf. Das Stück Papier war sauber. Es war keine Glückwunschkarte.
Es war das Bild von einem Briefträger darauf, der gerade Post in
Briefkästen einwarf. Als ich Das Bild betrachtete, wurde mir ganz
warm. Ich hatte das Gefühl, daß jemand tatsächlich mich
meinte. Ich fühlte plötzlich eine solche Nähe - als säße
eine geliebte Person direkt neben mir. Ich begann zu lesen.
Während ich es las, traten mir erneut die Tränen in die Augen,
ich fing an, laut zu schluchzen - ich blickte aus dem Fenster und sah,
wie die Sonne durch die Wolken brach...
Ich hörte mich selbst erfüllt von unsagbarer Freude stammeln:
"Danke - oh mein Gott! Danke!"... |
| An die 5 Brüder des reichen Mannes |
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Meine Brüder auf der Erde!
Eigentlich ist es
unstatthaft, wenn ich Euch jetzt einen Brief schreibe. Denn Ihr habt
mich zur letzten Ruhe gebettet und an meinem Grabe Eurem Bedauern Ausdruck
verliehen, dass mein Leben allzu früh abgeschlossen worden sei.
Ihr rechnet damit, dass ich jetzt nicht mehr bin, und ich sollte anstandshalber
Euch auch nicht mehr belästigen.
Nehmt mir nicht übel, wenn ich Euch mitteile, dass Eure Rechnung
nicht aufgegangen ist. Mein Leben ist nämlich nicht abgeschlossen,
sondern geht ins Unendliche weiter. Vorbei ist nur der Auftakt dazu,
der freilich allzu kurz war.
Mit der letzten Ruhe aber ist es ganz und gar nichts. Ich bin jetzt
die Unruhe selber. Hier in der Ewigkeit - so nennt man nämlich
das Reich jenseits der Todeslinie, die ich überschritten habe -
fühle ich mich völlig fehl am Platze. Überall ecke ich
an; jeder Wunsch, den ich ausspreche, ist verkehrt. Alle meine Klagen
und Beschwerden werden abgewiesen, und zwar, wie ich jeweils hinterher
merke, nicht zu Unrecht. Denn meine Klagen und Wünsche passen ebenso
wenig in diese andere Welt wie ich selber.
"Möge dir die Erde leicht
sein!"
hat einer von Euch mir ins Grab gerufen.
O meine Brüder! Die Erde, die Erde - das ist es ja eben! Ihr bin
ich verhaftet bis zur letzten Faser meines Wesens. Sie ist mir zum Verhängnis
geworden. Nicht leicht ist sie mir, wie Ihr mir gewünscht habt, nicht
schwer, wie befürchtet wird, sondern überhaupt nicht mehr. Fort
ist sie - ich habe sie zurückgelassen!
Ich aber bin da, ich, ein der Erde verhafteter Mensch, bin da und habe
keine Erde mehr. Mein ganzes Herz hängt an ihr; aber sie ist fort
auf Nimmerwiedersehen! Versteht Ihr meine Qual? Die Erde mit ihrem Glück,
sie war mein Alles, und mit ihr ist für mich alles dahin! O wäre
ich mit ihr vergangen, ich elend Betrogener!
"Wenn es ein Jenseits gibt,
bekomme ich dort nicht den schlechtesten
Platz!" hast Du, mein ältester Bruder, des öfteren gesagt,
wenn Dir Gedanken an die Ewigkeit kamen. An die Wirklichkeit der Ewigkeit
hast Du so wenig geglaubt wie ich; aber geredet hast Du gelegentlich von
ihr.
Ich muss Dir aber heute sagen, dass Dein Sinn genau so der Erde verhaftet
ist wie der meine. An die himmlische Welt legst Du irdische Maßstäbe
an. Du meinst offenbar, im Himmel sei es wie auf der Erde. Du denkst,
es gäbe da gute und sehr gute, schlechte und ganz schlechte Plätze.
Da irrst Du gewaltig.
In der Ewigkeit gibt es überhaupt keine Plätze. Da geht alles
nach der Gesinnung. Was eines Geistes ist, ist beisammen, und was gleichen
Sinnes ist, hat Gemeinschaft miteinander.
Ich bin bei den Irdischgesinnten, was Dir ja klar sein dürfte. Dass
bei uns die Hölle los ist, wird Dir auch klar werden, wenn Du ein
wenig darüber nachdenkst. Denn schau, jeder von uns brennt nach irdischem
Glück und Wohlergehen, und keiner von uns findet auch nur ein Tröpflein
davon, weil die Erde ja für uns dahin ist. O diese Qual, die jeder
leidet und verbreitet! Wir machen uns selber und einander das Dasein zur
Hölle. In mir und um mich nichts als brennendes Verlangen nach irdischem
Besitz und Genuss! Es ist zum Heulen und zum Rasendwerden - nein, es ist
ein Heulen und ein Rasendsein!
"Nicht der schlechteste Platz?"
Mein Bruder, einen solchen braucht's nicht!
Es genügt eine irdische Gesinnung. Sie macht die Ewigkeit zur Hölle.
"Gott ist doch die Liebe!"
so hast Du, mein jüngerer Bruder,
stets argumentiert, obwohl Du nicht im Ernst an ihn geglaubt hast. "Wenn
es ihn gibt" hast Du gesagt, "kann er ja nichts als lieben.
Was wird er dann so herzlos sein und Ungezählte in die Hölle
verstoßen!"
Nun, mein Bruder, ganz unrecht hast Du damit nicht. Gott jagt die Leute
tatsächlich nicht aus dem Himmel hinaus. Das Verhängnis ist
vielmehr, dass Leute wie wir gar nicht hineingehen.
Verstehst Du mich nicht? Schau, der Himmel steht offen, so weit offen,
dass ich aus ganz großer Entfernung genau sehen kann, wer alles
drin ist. Jener Bettler zum Beispiel, der sich zu Hause neben unserm Müllhaufen
niedergelassen hatte, mit dem Hektor und Bella, unsere beiden Hofhunde,
so großmütig ihr Futter teilten. Wir haben ihn spottweise den
"armen Gotthilf" genannt, weil er sich immer mit Gottes Hilfe
tröstete, von der doch nicht die geringste Spur zu sehen war. Der
ist jetzt ganz in seinem Element, wunschlos glücklich und selig geborgen
wie ein Kind im Schoß seiner Mutter.
Der Himmel steht also offen; aber weißt Du, es ist kein Himmel nach
unserm Geschmack. Uns weltselige Leute zieht es überhaupt nicht dorthin;
unser Herz ist himmelweit entfernt von diesem Himmel. Die Nähe Gottes,
die denen dort offenbar der höchste Genuss ist, ist uns geradezu
unheimlich. Uns verlangt nach einem andern Glück, nach einem Glück
fern von Gott, wie wir es auf der Erde hatten.
Anfangs habe ich mich beschwert, dass es mir unverdient schlecht gehe.
Ich bat darum, man möge mir doch ein klein wenig Himmelsglück
zukommen lassen. Es wurde mir aber bedeutet, dass ich ja meinen Himmel
bereits auf der Erde gehabt habe und dass mein Sinn offenbar nach einem
andern Himmel stehe. Und in der Tat: ein Himmel für unsereinen ist
der Himmel Gottes nicht. Der ist recht für die Gottseligen, aber
nicht für die Weltseligen. Die himmlisch gesinnten Leute, die sich
ihr Lebtag mit göttlichen Dingen befasst haben, mögen dort auf
ihre Rechnung kommen. Unsere Interessen aber sind ganz anders gelagert.
Für unsereinen ist es dort nicht auszuhalten.
"Lass mich in Ruhe damit!"
hast Du, mein jüngster Bruder, ausgerufen, wenn Dir einer mit frommen
Sachen kommen wollte. Du wolltest unangefochten dahinleben in Deinem irdischen
Glück.
Ich ebenso. Was die Ewigkeit angeht, ließ ich gar nicht an mich
herankommen; die himmlischen Dinge ließ ich auf sich beruhen. Ich
hatte ja meine Welt, und in die habe ich mich immer mehr verliebt. Wir
haben uns auch gegenseitig bestärkt in unsern eigenen Ansichten und
sind so immer mehr festgefahren in unserer irdischen Gesinnung.
Weißt Du, was das Ergebnis dieser Abschirmung ist? Ich kann Dir
sagen: uns trennen Welten von denen auf der anderen Seite. Was sie zum
hellen Jauchzen bringt, berührt uns nicht einmal. Uns fehlt einfach
der Sinn für ihre Welt.
Anfangs war mir das nicht so klar; ich sah nichts als eine große
Ungerechtigkeit in diesem grundverschiedenen Schicksal. Bald aber musste
ich merken, dass ich mich in die Welt der Seligen nicht emporschwingen
kann. Es fehlen meiner Seele ganz einfach die Flügel dazu. Umgekehrt
habe ich festgestellt, dass auch sie nicht in der Lage sind, in die Welt
der Unseligen herabzusteigen, um etwas von ihrem Glück in unsere
Qual hereinzutragen.
Die Kluft zwischen Seligen und Unseligen ist unüberbrückbar;
es gibt kein Hinüber oder Herüber. Eher fangen die Wale zu fliegen
an und horsten in den Felsen der Berge, als dass ein weltseliger Mensch
heimisch wird bei denen, die in Gott selig sind. Eher fangen die Adler
zu tauchen an und leben in der Tiefe des Meeres, als dass ein gottseliger
Mensch die Welt der Unseligen besucht.
Mein Lieber, unser törichter Wunsch ist mehr als erfüllt: wir
sind ganz gründlich in Ruhe gelassen. Nur haben wir keine Ruhe; wir
haben nichts als uns selbst und unsern unstillbaren Durst.
"Jeder ist seines Glückes Schmied!"
Wie oft haben wir das behauptet, liebe Brüder! Besonders wenn uns
jemand beneidete oder gar um Hilfe anging. "Selbst ist der Mann!"
- hieß unser Wahlspruch, und unser Rat lautete: "Hilf dir selbst,
so hilft dir Gott!"
Nun, wir haben unser Glück geschmiedet, gut geschmiedet sogar. Es
hat gehalten bis an den Rand des Grabes, bei mir wenigstens. Aber es war
ein kurzes Glück, kurz wie mein Erdenleben.
Der 'arme Gotthilf' hat sein Glück nicht selber geschmiedet. Er hat
es sich von Gott schmieden lassen. Lang und schmerzlich hat er darauf
warten müssen; aber das ficht ihn jetzt nicht mehr an. Denn er hat
ein dauerndes Glück, ewig wie Gott selber, der es geschmiedet hat,
ewig wie meine Qual, die ich mir eingebrockt habe.
Gewiss, er hat die Hölle auf der Erde gehabt. Aber was für eine
kurze Hölle, gemessen an der Hölle der Ewigkeit, in der ich
mich befinde!
Dieselbe Erde, die mein Himmel war, war seine Hölle. Mir fehlt sie;
er hat sie los. Was mir Pein macht, das ist sein Trost: die Abwesenheit
der Erde, die ihm Fremde, mir aber Heimat war.
Der hohe Lebensstandard,
den wir aufweisen konnten, Ihr lieben Brüder,
war stets unser Stolz. Wir sind seinetwegen auch viel beneidet worden.
Es war aber auch beachtlich, was wir uns leisten konnten.
Aber eben dieser hohe Lebensstandard hat mich meine ganze Ewigkeit gekostet.
Darum verfluche ich ihn, so sehr mich auch nach ihm zurückverlangt.
Wollt Ihr es nicht zu Herzen nehmen, meine Brüder, und es allen sagen,
die auf der Jagd nach einem höheren Lebensstandard sind? Denn ich
sehe Millionen hinter Euch marschieren, ja hinter Euch her rennen auf
demselben Wege. Sie hätten gerne, was Euch in den Schoß fiel:
ein besseres Leben auf der Erde, ein kleines Erdenparadies. Dabei geht
es ihnen wie mir unseligem Menschen: sie werden blind für das bessere
Leben, das ihnen von Gott zugedacht ist und verscherzen das ewige Gottesparadies,
das auch dem Ärmsten zugänglich ist, wenn er offen bleibt dafür.
Ein Wort zum Schluss:
Meine sehr gefährdeten Brüder!
Ich habe den Antrag gestellt, der 'arme Gotthilf' möge Euch aufsuchen
und zur Umkehr bewegen. Mein Antrag wurde jedoch abgelehnt mit der Begründung,
das sei völlig überflüssig. Er könnte Euch auch nichts
anderes sagen als was Ihr längst wüßtet, weil es in der
Bibel steht. Wenn Ihr das nicht ernst nähmet, würdet Ihr auch
ihn nicht ernst nehmen, wenn er von den Toten aufstünde und Euch
predigte.
Wenn Ihr Genaueres von mir erfahren wollt, so schlagt Eure Bibel auf.
Im 16. Kapitel des Lukasevangeliums ist von mir die Rede. Einer, der sich
hier genau auskennt, gibt dort Auskunft darüber, wohin der höhere
Lebensstandard seine Leute führt.
Es graut mir vor dem Wiedersehen mit Euch!
Euer verlorener Bruder
Ruf ins Volk Nr. 24
Text: Pfarrer Richard Neumaier Evangelischer Diakonissenring - Schriftenmission,
Elsa-Brandström-Str. 10, Metzingen
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