Ich lebte zu dieser Zeit
zusammen mit meinem Mann in der Türkei in dem Dorf, wo auch seine
Eltern lebten. Es war ein sehr idyllischer Platz am Meer, etwa 50 Meter
über dem Wasserspiegel. Mein Mann hatte für uns ein Häuschen
auf einem herrlich lauschigen Grundstück mit Meeresblick ergattert.
Es gehörte einem Bauern, der mit seinem Vater bekannt war.
Es war wie immer früh am Morgen, die ersten Sonnenstrahlen lugten
schon um die Hausecke, als wir erwachten. Ich stand auf, Mein Mann lag
noch im Bett. Zuerst öffnete ich immer alle Fenster und Türen.
Die klare frische Morgenluft durchflutete die Räume und das Gemüt.
Danach pflegte ich meist, noch eine Weile gemeinsam zu kuscheln. Auch
diesmal war es so. Als ich wieder aufstehen wollte, traute ich meinen
Augen nicht. Mitten im Zimmer saß eine wunderschöne Smaragdeidechse.
Ihre Farben leuchteten in satten Tönen der Blau- und Grün-Palette.
Sie schienen sich ständig zu verändern. Im ersten Moment wusste
ich gar nicht, worüber ich mich mehr wundern sollte. Darüber,
dass dieses herrliche Tier plötzlich hier im Zimmer stand, oder über
das prächtige Spiel seiner Färbung, an dem ich mich kaum satt
sehen konnte.
Die Eidechse sah ich züngelnd im Zimmer um. Auch mein Mann schien
von der Schönheit des Tieres wie verzaubert. Inzwischen begann ich
mir ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was wir tun könnten,
um das Tier nicht zu verschrecken, und um es möglichst behutsam wieder
aus dem Haus zu bekommen.
Mir war klar, dass es ohne einen gewissen Tumult nicht gehen würde,
falls ich sie einfangen sollte. Die Eidechse würde sich vielleicht
so sehr erschrecken, dass sie ihren herrlichen Schwanz verlieren würde.
Eidechsen haben diese von der Natur eingerichtete Vorrichtung, dass wenn
man sie zu hart am Schwanz zu fassen bekommt, der Schwanz einfach abfällt.
Das wollte ich verhindern. Außerdem war zu befürchten, dass
sie sich nicht der Türe zuwenden würde, sondern sich in irgend
eine Ecke flüchten würde und sie am Ende überhaupt nicht
mehr aus dem Haus käme. Das einzige, was mir in dieser ungewöhnlichen
Situation einfiel, war zu beten. Ich legte innerlich alle meine Bedenken
dar. Dann sagte ich laut zu der Eidechse: " Komm, das Beste wird
wohl sein, wenn du auf meinen Arm kommst - und ich dich dann unversehrt
nach draußen bringen kann. Wenn ich dich mit einem Tuch oder einem
Eimer jagen würde, bekämst du Angst und hättest bestimmt
keine gute Erinnerung an den Menschen. Das wäre doch schade! Und
du würdest den Ausgang nicht finden. Denn wir können nicht den
ganzen Tag zu Hause bleiben oder die Türen und Fenster offen lassen,
wenn wir fortgehen!"
Es kam mir fast kindisch vor, so mit dem Tier zu sprechen. Aber irgendetwas
in mir sagte mir, dass es der einzige Weg war. "Ok - lieber Gott",
sagte ich weiter "ich werde jetzt einfach meine Hand ausstrecken
und abwarten, was du dazu meinst!" Ich beugte mich so langsam es
ging nach vorne und streckte in Extra-Zeitlupentempo meine Hand aus: "Komm!",
sagte ich leise "komm auf meine Hand, damit ich dich nach draußen
tragen kann!"
Da saß sie - die Eidechse und schaute reglos vor sich hin. Sie blieb
eine zeitlang züngelnd so sitzen. Dann legte sie ihr Köpfchen
schief und sah mich unvermittelt an. Ihre Augen blickten flink im Raum
herum und blieben dann wieder an den meinen hängen. Irgendwie hatte
ich plötzlich das sonderbare Gefühl, als würden wir uns
verstehen. Noch einmal forderte ich sie auf, auf meine Hand zu kommen.
Da bewegte sie langsam ihre Beine und kam tatsächlich auf mich zu.
Ich wagte kaum zu atmen, dachte, dass ich mir bestimmt etwas einbilde,
zu glauben, dass es möglich wäre...
aber sie kam!
Sie kroch mit einem Ausdruck der Selbstverständlichkeit auf meine
Hand - fast, als lächelte sie, kroch weiter hinauf, bis auf meinen
Unterarm. Dort blieb sie ruhig sitzen. Ich traute mich kaum, sie anzusehen,
geschweige denn anzusprechen, um sie nicht doch noch zu verschrecken.
Dennoch sagte ich, indem ich ihr in die Augen sah: "So, jetzt werde
ich gleich aufstehen und dich nach draußen tragen! Bleib nur ruhig
sitzen!" Dann stand ich langsam auf. Die Eidechse schien es zu genießen.
Es lag kein Schreck in ihren Augen, keine Unruhe.
Ein herrliches Gefühl der Freude, der Dankbarkeit und des Vertrauens
durchströmte mich. Fast wie selbstverständlich trug ich die
Eidechse mit normalen Bewegungen nach draußen, während ich
ihr erzählte, welch ein herrliches Wesen sie war und weich ein wunderbar
vertrautes Gefühl es war, sie auf dem Arm zu spüren...
Als ich hinter dem Haus ein geeignetes Plätzchen erreicht hatte,
setzte ich meinen Arm auf den Boden und forderte sie auf, herunterzuklettern.
Aber sie blieb sitzen, äugte mich aus wachen, klugen Augen an. Erst
als ich mit meinem Finger an ihrem Hinterteil nachschob, machte sie sich
langsam daran, auf den Boden zu klettern. So blieb sie neben mir sitzen,
und lief auch nicht fort, als ich selbst wieder ins Haus ging.
Ich sah noch ein paar Mal nach ihr und genoß die Freude über
dieses von Vertrauen gesegnete Ereignis. Nach einer Weile beobachtete
ich, wie sie langsam im hohen Gras verschwand.
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