Mein Pilgergang auf dem St.Gunther-Steig
von Niederalteich über Lalling zum Frauenbründl
bei Rinchnach, Gehmannsberg

© Regina Franziska Rau
Sommer 1999 und Frühling 2000
Bayrischer Wald

ERSTER TEIL
Von Niederalteich nach Lalling
Anfang der Pilgerung im Sommer 1999


Ich hatte einmal von einem Kapellchen - dem Frauenbründl gehört. Dieser Name hatte mich so fasziniert, dass ich beschloss dort hinzuwandern, zumal ich herausfand, dass es sich am St. Gunthersteig befand. Dieser Steig hatte mich wegen der Sagen des St. Gunther neugierig gemacht. Er soll sich allein mit einer Machete bewaffnet durch den dichten Wald geschlagen haben, als es in der Deggendorfer Gegend noch kaum Straßen und Besiedlung gab. Eines Tages setzte ich meinen Entschluss in die Tat um. Der Weg ging sich vom Kloster Niederalteich sehr vielversprechend an. Doch bald stellte sich heraus, dass die Beschilderung am Weg so dürftig, war, dass es weniger ein Pilgergang, als eine Art "Schilderjagd" wurde. Ich verlief mich unaufhörlich und auch meine Karte konnte mir nicht weiter helfen. Die Strecke ging auf weiten Teilen dann an der stark befahrenen Schnellstraße entlang. Ich war recht enttäuscht, als ich in Lalling ankam. Doch nahm ich mir fest vor, den zweiten Teil dennoch zu gehen. Denn von hier an konnte der Weg laut Karte nur noch über Land und durch den Wald verlaufen. Doch es sollte fast ein Jahr vergehen, bis ich mich zum zweiten Teil der Strecke aufmachte.

 
ZWEITER TEIL
Von Lalling nach Rinchnach/Gehmannsberg zum Frauenbründl
- vom 28.04.2000 auf 29.04.2000


Als ich erwachte, lachte mich durch das Dachfenster bereits der blaue Himmel an und lud mich ein, mein Vorhaben zu verwirklichen. Ich hatte aber ungeachtet dessen ein gemischten Gefühl am Morgen. Die Begeisterung war jetzt nicht so groß, wie gestern Abend. Aber ich wusste, wenn ich es jetzt nicht vagen würde, müsste ich lange darauf warten, bis mir solch eine Idee wieder in den Sinn kommen würde. Und - ich hatte letztes Jahr nicht zu hoffen gewagt, dass ich die begonnene Pilgerung tatsächlich zu Ende bringen würde.

Und das wollte ich mir auf keinen Fall nehmen lassen. So stand ich mit neuem Tatendrang fröhlich auf und richtete meinen Rucksack her. Das Buch "Boten des Lichts" von James F. Twyman musste mit. Ich hatte es mir letztes Jahr gekauft und mir schon so lange vorgenommen, es zu lesen. Die Pilgerwanderung sollte der passende Rahmen dazu sein.

Wanderung Die Luft war sehr mild und lud mich ein, eine Nacht am Ziel im Freien zu verbringen. Ich packte einen leichten Schlafsack ein (es war ja herrlich warm), eine Schlafunterlage und ein Leintuch, eine leichte Hose, eine Leggin und ein T-Shirt. Als Besohlung wählte ich ein paar gut sitzende Sandalen Außerdem durften zwei herrlich duftende Wachskerzen nebst Streichhölzern nicht fehlen, damit ich das erreichte Ziel auch gebührlich zelebrieren könnte.

Gegen 10 Uhr ging ich von Lalling aus Richtung Panholling los. Ich war voll von feierlicher Stimmung und in meinem Herzen betete ich das "Vater unser" für alle, die mir lieb sind und für alle Menschen auf dieser Welt, die Leid erfahren und nicht verstehen, was ihnen geschieht.

Die Vögel flöteten ihre herrlichen Liedlein dazu und die Blumen blinzelten mir in betörenden Farben zustimmend zu. Der Duft des Waldes drang in meine Nase und weitete mein Herz. Endlich - so lange hatte ich mich danach gesehnt - frei zu sein wie ein Vogel und an nichts zu denken. Die Füße spürten weichen, samtenen Boden. Bald wurde es mir zu warm und ich zog die leichteren Sachen an, die ich eingepackt hatte.

Was ich auf meinem Weg fand

Wanderung Herrlich stille, vom Grün des Frühlings getränkte Natur. Fröhlicher Gesang der Vögel, die mein Gemüt mit ihrem Geflöte erheiterten und mir kräftig Mut machten, wenn ich glaubte, nicht mehr weiter zu können.

Wunderschönen, urwüchsigen Schachtelhalm, der mich für Augenblicke in das verschwundene Reich der Giganten entführte.

Herrlich plätschernde Bachläufe, die mich mit ihrem frischen, glitzernden Nass erquickten. Darin fand ich verführerisch funkelnden Glimmer, dessen Anblick mich in Gedanken in die Welt der Goldschürfer und Nuggetsgräber trug. Und es erinnerte mich auf sonderbare Weise an die Glanzpunkte meines Daseins.

Satte Gerüche und süße, würzige Düfte in der Luft, an welchen ich mich wie eine durstige Gazelle labte.

Auf einer einsamen Weide fand ich eine einfache alte Holzbank. Darauf lagen hübsch nebeneinander zwei bunte Eislöffelchen, die sich sonnten. Ich setzte mich dazu und ließ mich vom lauen Wind streicheln.
Ich schloss die Augen... Eine liebende Hand schloss sich um meine und ich fühlte, wie mich endloses Vertrauen durchfloss. Ich fühlte mich von innen umarmt, leuchtende Augen blickten mich unendlich zärtlich an.

Was ist wirklich, was ist Illusion! Wo sind die Grenzen?.

Ist nicht oft das, was wir äußerlich als reell wähnen, in Wahrheit laute Illusion. Und ist nicht das, was wir manchmal tief in unserem Inneren erfahren, so reell, und um so viel lebendiger als das maskierte Geschehen um uns herum?! Ist nicht unser ganzes Handeln und alles was wir erleben angefüllt mit Maskierungen, die wir aus Angst vor Verletzungen und aus Angst davor, das Schöne in uns wieder zu verlieren - aufsetzen!

Ich genoss den honigsüßen Geschmack des Traumes und ließ ihn wieder los.

Da war der Geruch der Fremde, von Bauernhöfen und Zimmereien, der mich bisweilen an meine Kindheit erinnerte. Süßsäuerlicher dampfender Dung, der glücklichen Hühnern einen paradiesischen Platz zum Scharren bot. Hühner, die sich "völlig losgelöst" in Kuhlen am Boden kuschelten.
Bauern zerfurchten mit schwerem Gerät die verhärtete Ackerkrume, darunter kam saftige, satte, herrlich duftende braune Erde zum Vorschein.

In der Gegend von Rinchnach war ich mir meines Weges nicht mehr so sicher. Da stand ein einsames Haus am Wegrand. Dort sah ich einen Mann, der hinter seinem Haus Holzscheite aufstapelte. Ich fragte ihn nach dem Weg - und nach dem Namen eines großen majestätischen Vogels, den ich schon seit geraumer Zeit dabei beobachtet hatte, wie er über der Gegend seine Kreise zog. Der Mann sah mich an und wirkte seltsam auf mich. Er antwortete nicht - ich konnte mir sein Verhalten nicht erklären und wurde ein bisschen unsicher. Während ich ihn eingehender musterte, fragte ich ihn noch einmal. Da bemerkte ich, dass seine Hose offen stand und sein "Haussegen" heraushing. Jetzt war meine Verwirrung perfekt. Ich wusste nicht, ob ich ihn auf die peinliche Misslage aufmerksam machen sollte oder nicht - und entschied mich für das letztere. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Er begann mir in allein Einzelheiten zu erklären, warum er nicht wüsste, wie der Vogel heißt - aber er konnte wenigstens meine Befürchtungen beseitigen, ob ich wohl den falschen Weg eingeschlagen hatte Ich verabschiedete mich eilig und zog kopfschüttelnd weiter.

Weg Ich kam vorbei an Höfen, die mich an uralte Märchen erinnerten, von denen ich schon seit Kindheit her geglaubt hatte, dass sie reine Erfindung wären. Da waren große Scheunen über Ställe gebaut, so dass die Tiere direkt unter dem Holzdach im frischen Stroh lagen.

Der Weg nach Mariabründl zog sich endlos hin. Und wie es schien, würde ich erst bei Anbruch der Dämmerung ankommen. Und ich hatte nicht genügend Ausrüstung mitgebracht. Zwar hatte ich einen Schlafsack dabei, aber es schien sehr kühl zu werden - das Wetter zog langsam zu, der Himmel bedeckte sich. Ich entschied mich dennoch dafür, den Weg nun zu Ende zu gehen. Die Idylle begleitete mich über die stillen Felder während die Dämmerung hereinbrach. Gerade diese diffuse Stimmung ließ mein Herz höher schlagen. Ich dachte wieder an das Reh, das nicht vor mir gescheut und mich sogar angesehen hatte, während ich mit ihm sprach.

Als ich das letzte Stück zur Kapelle im Wald antrat, überraschte mich ohrenbetäubender Lärm. Ein Planierraupe walzte durch das dichte Tann - überall sah es aus, als habe Rübezahl in blinder Raserei seine Wut ausgelassen.. Ich musste auf dem steilen Weg nach oben in einem tiefen Graben waten, der bis nach oben führte. Offensichtlich arbeitete man daran, die Kapelle mit Strom zu versorgen. Ich achtete darauf, dass ich nicht auf die Stromkabel stieg. Endlich verschwand auch der ohrenbetäubende Motorenlärm. Der Raupenfahrer hatte sich wohl auf den Heimweg gemacht.

Endlich sah ich schneeweiß und jungfräulich die Kapelle durch die Bäume schimmern. Mein Herz hüpfte vor Freude. Ich setzte mich auf eine Bank und aß glücklich meinen Abendapfel, wusch mich in dem Kapellenbrunnen, der fröhlich vom Quellwasser gluckste. Dann ging ich in die inzwischen stockdunkle Kapelle und zündete feierlich meine mitgebrachte Honigwachskerze an, fühlte, dass dieser Abschnitt der Abschluss eines Lebenskapitels für mich bedeutete. Das Dunkel in der Kapelle erinnerte mich daran, wie ungewiss mein Weg vor mir liegt - und dass ich ihn immer wieder im Vertrauen gehe - und wie ich dann ein ums andere Mal überrascht bin, wie sicher ich vom Leben getragen werde.

Ich nahm meinen Schlafsack und machte mich auf die Suche nach einem geeigneten Plätzchen im Wald. Das war bei den steilen Abhängen gar nicht so leicht. Direkt bei der Kapelle wollte ich nicht schlafen. Ich fühlte mich in der Nähe der Kapelle nicht so wohl. Als es dunkel wurde, hatte ich sogar das Gefühl, dass sich dort - zumindest im Moment - ungute Geister aufhalten würden. Vielleicht wegen der momentanen Bauarbeiten. Und ich wollte nicht am Morgen von einem Arbeiter überrascht werden. Dies hier war nur für mich bestimmt.

Ich fand eine kleine Kuhle neben einem größeren Stein. Dort versuchte ich es. In der Nacht wurde es zuerst windig, dann kam ein Sturm auf. Ich zog meine Jacke wieder an und versuchte weiterzuschlafen. Dann begann ich zu frieren. Immer wieder blinzelte ich aus dem Schlafsack heraus, um zu sehen, ob die Dämmerung wohl schon anbrach.

Irgendwann hörte ich die erste Amsel schlagen. Da wurde es mir warm ums Herz und ich konnte endlich schlafen. Aber gegen 5 Uhr früh erwachte ich erneut. Es war inzwischen bitterkalt. Da packte ich meine sieben Sachen zusammen, bedankte mich für das herrliche Erlebnis und machte mich auf den Heimweg.

An den Höfen brannten schon Lichter - ich fühlte mich wie Hänschen Klein - und ich freute mich spitzbübisch darüber. Als ich i, nächstgrößeren Ort Rinkam ankam und mich nach einer Busverbindung umsah, bekam ich die Auskunft, dass es in meine Richtung so gut wie keine gäbe. Also stellte ich mich in altem Vertrauen zum Trampen an die nächste Kreuzung hin, und war schon recht bald darauf wieder zu Hause.



 
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