Es war einmal in der Türkei...
Ich lebte gerade bei meinem türkischen Freund Kemal, dessen Kind
ich trug. Die Eltern Kemals hatten ein kleines Häuschen in Manyas
- mitten auf dem Lande. Dort gab es viele Elfen und Kobolde, zumindest
konnte ich bisweilen ihre 'Schatten' an den Wänden sehen.
Die ganze Umgebung und auch die Ereignisse erinnerten mich an eine wahr
gewordene Episode aus Grimms Märchen. Da war noch die schöne,
wilde Schäferhündin Susie. Mit ihr verstand ich mich sehr gut.
Und da waren 20 Schafe, mit welchen wir uns den Platz auf dem winzigen
Anwesen teilten.
Das Häuschen hatte nur 4 Räumchen, jedes so groß, wie
bei uns ein größeres Badezimmer. Und da war noch der kleine
Hof vor dem Garten. Alles war dürftig aus Ziegelsteinen selbst errichtet,
notdürftig verputzt und mit Kalk geweißt. Die Türen hingen
schräg in den Angeln...
Es war wirklich abenteuerlich. Oft fühlte ich mich wie aus einer
Zeit in diese Märchen hineingefallen. Nur - dass ich nicht wusste,
wie ich wieder herauskommen sollte, wenn ich genug gesehen hatte. Aber
das ist eine andere Geschichte.
Eines Tages saß ich wieder einmal draußen im Hof auf der Bank
vor dem Häuschen und nähte mit der Hand ein kleines Mäntelchen
für meinen Sohn, auf dessen Geburt wir alle gespannt warteten.
Die Sonne schien und ein laues Lüftlein regte sich. Alles war friedlich
und ruhig. Die Schafe schienen ihr Mittagsschläfchen zu machen. Auch
im Haus regte sich nichts. Ich nähte und sinnierte so fröhlich
vor mich hin, war tief in meinen Gedanken versunken. Da zupfte mich plötzlich
etwas von hinten am Kleid. Ich drehte mich erschrocken um. Da stand ein
Schafsbock. Er schaute mich keck an und verleibte sich genüsslich
mein Kleid ein.
Ich schalt ihn und erklärte ihm, dass ich das Kleid noch benötige
und musste es ihm wieder aus dem Maul ziehen. Da kam er von vorne und
senkte das Haupt ein wenig. Ich blickte ihm direkt in die Augen und sagte
unmissverständlich "NEIN!" Da kam er noch näher und
schnupperte an mir. Er sah mich lange und durchdringend an. So lange,
dass ich plötzlich seine langen, pechschwarzen Wimpern entdeckte.
Und dass sein Gesicht sehr edle Züge trug. Wie die eines edlen Mannes.
Da tat sich vor mir eine Welt auf - mit Schlössern und Schalmeien,
mit hübschen Frauen und Blumengärten...
"Was denn?", sagte ich, "Du wirst doch kein verwünschter
Prinz sein?" Er blickte mich weiter durchdringend an. Er wurde immer
schöner vor meinen Augen - und ich mußte verlegen zur Seite
blicken. Er wich meinem Blick nicht aus. Da fragte ich ihn, was ich denn
für ihn tun könne. Er wandte seinen Blick nicht fort. Ich überlegte
kurz und sagte dann: "Sag mal - du hast doch sicherlich ein paar
sehr schöne Frauen! Bringe sie mir doch und zeige sie mir!"
Er verschwand augenblicklich. Ich nähte ruhig weiter und war erleichtert,
wieder meine Ruhe zu haben. Da zupfte es mich erneut am Kleid. Ich schaute
nicht auf und drehte mich nur ein wenig zur Seite. Aber aus dem zaghaften
Zupfen wurde grobes Rupfen und so drehte ich mich doch um.
Da stand mein "Prinz"
in voller Pracht! Er hatte alle seine Frauen mitgebracht und strahlte
über das ganze Gesicht! Ich konnte es kaum glauben. "Du bist
aber ein stolzer Prinz!" sagte ich zu ihm. "Ich bin mir nicht
sicher, ob ich wache oder träume. Am Ende bist du wirklich ein Prinz!"
Ich stand auf und ging ins Haus. Immer wieder musste ich an diese ungewöhnliche
Begegnung denken.
Einige Zeit später zur Regenzeit, als die Schafe kaum noch nach draussen
durften, fragte ich einmal nach, wo denn der Bock seinen Stall hätte.
Dann suchte ich ihn auf. Der Stall war sehr dunkel. Da gab es nur eine
kleine Luke in der, durch das das Licht in Strahlen einfiel. Der Bock
stand gerade zur Wand gedreht, als ich herankam. Er drehte sich um und
kam mir entgegen. Ich blieb an der Türe stehen. Und wieder sah ich
sein Gesicht so klar wie beim ersten Mal. Wieder wurde ich verlegen. Ich
sagte laut: "Und wenn nun alle kindlichen Gedanken näher bei
der Wahrheit wären - was dann?!" Da trafen die Sonnenstrahlen,
die durch die Luke fielen direkt in die Augen des Schafbocks. Und da leuchteten
sie wie das Feuer des Smaragds in seiner prachtvollsten Glut. Dieser Anblick
war sehr feierlich.
Ich bedankte mich für diese seltene Begegnung, wünschte ihm
ein erfülltes Leben in dieser Erscheinungsform und ging zutiefst
berührt wieder fort.
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