Historie
von Ephesos - Josef Keil
Unter
den historisch berühmten Städten Kleinasiens, die durch systematische
Ausgrabungen wenigstens teilweise aus dem Schutte der Jahrtausende wieder
auferstanden sind, ist Ephesos wohl die bekannteste. Jedermann weiß,
dass dort im Altertum jener hochheilige Riesentempel der Artemis (Diana)
stand, der durch die Fackel des wahnwitzigen Herostratos in Flammen aufging,
um dann in neuem Glanze zu erstehen und mit den Werken der ersten Künstler,
Skulpturen eines Phidias, Skopas und Praxiteles, Gemälden eines Apelles
und vieler anderer geschmückt, als das glänzendste der Sieben
Weltwunder gefeiert zu werden ...
Dem tiefer Blickenden weckt der Name Ephesos noch andere Erinnerungen. Er
gedenkt des glänzenden Kulturaufschwungs, der in den Griechenstädten
loniens die Verfassung der freien Bürgergemeinde und die nach dem Verständnis
des Alls ringende Philosophie und die Wissenschaft erstehen ließ.
Einer der größten Denker, Heraklit der Dunkle, hat eben von Ephesos
aus in orakelhafter Sprache die Lehre von dem ewigen Flusse aller Dinge
verkündet.
Ergreifend wirkt inmitten der heutigen Ode die Vergegenwärtigung des
vielfach gepriesenen, glanzvoll bewegten Lebens, das an dieser Stätte
geflutet hat, als in der großen Friedensperiode der römischen
Kaiserzeit Ephesos die Hauptstadt der reichen Provinz Asien und nach Alexandreia,
Antiocheia am Orontes und Seleukeia am Tigris der volkreichste und wichtigste
Stapelplatz des östlichen Mittelmeergebietes geworden war. Eine besondere
Welt erhält die Stadt aber nicht zuletzt durch die Erinnerungen, die
sie mit dem werdenden Christentum verknüpfen; hier bestand eine der
wichtigsten Gemeinden der alten Christenheit, hier sind einige der großen
Briefe des heiligen Paulus verfasst worden, hier lag der heilige Johannes
- der Evangelist und Apokalyptiker unter einer herrlichen, von Kaiser Justinian
erbauten Kuppelbasilika begraben.
Hier hat die fromme ''Siebenschläfer'' Legende ihre festeste Heimat,
hier tagte im Jahre 431 das ökumenische Konzil, in welchem der Kult
Marias als Gottesmutter zum Siege gelangte ... Wer heute ohne Kenntnis der
Stadtgeschichte von einer der nahen Berghöhen, etwa von dem Gipfel
des Bülbül Dag, auf die ephesische Landschaft nieder schaut, der
erhält von ihrem einstigen Aussehen eine gänzlich falsche Vorstellung.
So groß sind die Veränderungen, welche sich in geschichtlicher
Zeit, im Laufe von drei Jahrtausenden hier vollzogen haben. Er sieht zu
seinen Füßen, von Bergzügen im Norden, Süden und Osten
eingefasst, im Westen im flachen Bogen gegen das Meer sich abgrenzend, die
zwei Stunden lange Mündungsebene des Kaystros, durch die der träg
gewordene Fluss seine trüben Wässer in ungezählten Schlangenwindungen
zum Meere führt. Ein großer, schilfbewachsener Sumpf mit einem
schlauchartigen Fortsatz zieht sich längs des Bergfußes am Südrande
dieser Ebene hin, ein anderer, viel größerer Sumpf und die hellen
Spiegel zweier kleiner Seen liegen an ihrer Nordseite, und aus ihrer Mitte
ragt ein langgestreckter Hügel, allseits isoliert, empor. Wie sollte
man sofort erkennen, dass diese weite Ebene vor 3000 Jahren noch gar nicht
existierte, dass damals eine tiefe Meeresbucht bis an die östlichen
Berge einsprang, dass der isolierte Hügel einst eine meerumspülte
Insel war und dass die beiden kleinen Seen nur zurückgebliebene Fragmente
des großen blauen Meeresspiegels sind, der einst die ganze Bucht bedeckte?
...
Die Geschichte der Stadt Ephesos ist mit der allmählichen Verlandung
des Golfes aufs engste verknüpft und teilweise durch sie bedingt. An
ihrem Anfange steht ein halbhellenischer Kultort beim Artemision und eine
hellenische Küstenstadt an der Koressosbucht (nördlich vom Stadion).
Von dem Lyderkönig Krösus zur Kapitulation gezwungen, müssen
die Bewohner der letzteren ihren um die Verliehen des Panajir Dag gezogenen
Mauerring verlassen und sich südlich und südwestlich vom Artemision
in der Ebene ansiedeln. Fast drei Jahrhunderte verbleibt die Stadt an dieser
ungeschützten, vom Meere getrennten und durch die Überschwemmungen
der Gebirgsbäche bedrohten Stelle. Erst König Lysimachos gibt
ihr durch eine Verlegung nach Westen die unmittelbare Verbindung mit dem
Meere zurück. An dem neuen Platze, den der geniale Herrscher ihr anwies,
erlebt sie die Zeiten ihrer höchsten Blüte und behauptet sich
_ wenn auch in verringertem Umfange bis tief ins Mittelalter. |